• Living History

Inszenierung des Mittelalters: Living History

Wie haben die Menschen in der Vergangenheit gewohnt, gegessen, gearbeitet, gekämpft, ja, wie haben sie gelebt? Diese Fragen stehen im Zentrum von Living History (dt. gelebte oder erlebbare Geschichte) und Reenactment (dt. Nachstellung von Ereignissen). Dabei geht es nicht einfach darum, die Informationen aus historischen Quellen oder heutiger Literatur herauszufinden, auch wenn das zur Arbeit dazu gehört, sondern es geht in einem weiteren Schritt darum, dieses Wissen szenisch umzusetzen. Während beim Reenactment mehrheitlich größere ereignisgeschichtliche Geschehnisse, wie zum Beispiel die Schlacht bei Hastings (1066) oder die Landshuter Hochzeit (1475) nachgestellt werden, geht es bei Living History eher um das Darstellen von Alltagsgeschichte. Es ist allerdings schwierig genaue Abgrenzungen zu treffen. Viele Living-History-Gruppen haben den Anspruch durch ihre Inszenierungen einem Publikum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die Vergangenheit zu vermitteln. Dabei ist Living History nicht auf das Mittelalter beschränkt, sondern wird für die verschiedensten Epochen praktiziert; im Rahmen unseres Themas wird sich dieser Text aber auf die Mittelalter-Darstellung konzentrieren.

Im Zentrum der Mittelalter-Living-History-Gruppen steht das möglichst wirklichkeitsgetreue Nachstellen des mittelalterlichen Lebens. Da sich dieses zu Beginn des Mittelalters (um etwa 500), doch entscheidend von dem Leben im Spätmittelalter (13.-15. Jahrhundert) unterschied, wird der dargestellte Zeitraum meistens enger gefasst. Dabei rangiert die umfasste Spannweite von relativ großen Bereichen wie dem Spätmittelalter über einzelne Jahrhunderte bis hin zu festgelegten Jahren. Gemein ist den Gruppen, dass man nach Elfen, Kobolden, Orks und ähnlichen dem Fantasy-Bereich entsprungenen Figuren vergeblich sucht. Im Gegensatz zu Rollenspielen, die Fantasy und Mittelalter oft miteinander verbinden, wird hier nur dargestellt was im Mittelalter tatsächlich existiert hat. Armbanduhren, Handys und ähnliche moderne Gerätschaften sind daher untersagt. Der Grad der angestrebten Authentizität ist jedoch von Gruppe zu Gruppe verschieden. Gerade im Bereich der mittelalterlichen Kleidung, häufig „Gewandung“ genannt, gibt es Unterschiede. Nicht nur muss der Schnitt zum dargestellten Zeitraum passen, viele Gruppen akzeptieren auch nur solche Gewandungen, die ausschließlich aus Materialien bestehen, die es bereits im Mittelalter gab, also zum Beispiel Leinen und Wolle im Gegensatz zu synthetischen Stoffen oder Reißverschlüssen. Zum Teil dürfen diese Gewandungen dann auch nur auf mittelalterliche Art und Weise angefertigt werden, das heißt zum Beispiel ohne den heutigen Luxus einer Nähmaschine. Während auf Mittelaltermärkten auch gerne einmal Waren angeboten werden, die man im Mittelalter noch gar nicht anfertigen konnte, steht bei Living History die Rekonstruktion mittelalterlicher Handarbeits- und Handwerkstätigkeiten im Vordergrund. Es wird versucht möglichst nahe an die damalige Herstellungsweise heranzukommen und somit Produkte zu schaffen, die auch im Mittelalter existiert haben könnten.

Zu beobachten gibt es diese Darstellungen mittelalterlichen Lebens häufig auf größeren Mittelaltermärkten; meist etwas abseits der Verkaufsstände wird hier in einem „Lager“ mittelalterliches Leben inszeniert. Es gibt aber auch die Möglichkeit spezielle Veranstaltungen von Living-History-Vereinen zu besuchen.

 

Schaukämpfe

Der tapfer kämpfende Ritter ist in der Regel eng mit unserer modernen Vorstellung vom Mittelalter verknüpft. Daher ist die Darbietung von Kampfhandlungen auch nicht aus dem Bereich der heutigen Mittelalter-Darstellung wegzudenken. Auf größeren Mittelaltermärkten finden häufig Ritterturniere oder andere Schaukämpfe statt. Auch hier gibt es verschiedene Spielarten. Manche Schaukämpfe folgen einer bestimmten Choreographie, andere Darsteller kämpfen zwar ohne einstudierte Abläufe, aber dennoch nach festen Regeln. Choreographien und Regeln dienen in erster Linie der Sicherheit der Darsteller, denn während bei Rollenspielen Polsterwaffen (Nachbauten aus Schaumstoff und Latex) verwendet werden, so benutzt man beim mittelalterlichen Schaukampf in der Regel echte, wenn auch stumpfe Waffen. Auch hier wird unterschieden zwischen Kämpfen, die zur reinen Unterhaltung des Publikums dienen, und solchen, die eine didaktische Funktion verfolgen, dem Zuschauer also rekonstruierte mittelalterliche Kampftechniken nahe bringen wollen.

 

Living History im Museum

Living History wird auch als Element in der Museumspädagogik eingesetzt. Vor den Augen des Publikums werden hier – meist in Gewandung – Tätigkeiten des mittelalterlichen Alltagslebens vorgeführt. Der Anspruch auf Authentizität der Darstellung ist hier sehr hoch, denn der Fokus bei der Darstellung mittelalterlicher Szenen im Museum liegt selbstverständlich auf der Vermittlung. Es geht darum, den Besuchern das Leben der Menschen im Mittelalter nahe zu bringen, ihnen an konkreten Beispielen zu zeigen, wie die Menschen damals lebten und arbeiteten. Die Darsteller führen ihr Handwerk vor, erklären es und beantworten die Fragen des Publikums.
Hinter dem Einsatz von Living History im Museumskontext steht die Überzeugung, dass sich eine solche erlebbare Geschichte besser einprägt als das bloße Darbieten von Bildmaterial und Sachobjekten. Teilweise können die Besucher daher auch selbst mittelalterliche Handwerksarbeiten verrichten und auf diese Weise Geschichte lebendig werden lassen.

Verfasserin: Anna Glauber

Literatur und Links:

  • Carstensen, Jan (hrsg): Living History im Museum: Möglichkeiten und Grenzen einer populären Vermittlungsform. (Beiträge zur Volkskunde in Nordwestdeutschland 11).Münster, 2008.
  • Duisberg, Heike (hrsg): Living History in Freilichtmuseen: neue Wege der Geschichtsvermittlung: [Beiträge der Tagung „Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung“, die vom 1. bis zum 3. Mai 2008 im Freilichtmuseum am Kiekeberg stattfand.]  (Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg  59). Rosengarten-Ehestorf, 2008.