• Mittelalterrezeption zur Zeit des Nationalsozialismus

Mittelalterrezeption zur Zeit des Nationalsozialismus am Beispiel der Burg Stahleck

Die Bedeutung des Mittelalters für den Nationalsozialismus

Geschichte ist „die geeignetste Lehrmeisterin für unser politisches Handeln“, sagte Adolf Hitler in Bezug auf das Bildungswesen. Damit stand er nicht allein, so dass es nur allzu verständlich ist, dass das nationalsozialistische Regime der Geschichte einen großen Stellenwert für die Bildung in Schulen und Universitäten beimaß. Gerade das Mittelalter erfreute sich besonderer Wertschätzung, doch darf man kein kritisches, der historischen Wirklichkeit nachforschendes Geschichtsbewusstsein voraussetzen. Ganz im Gegenteil wurde das aus der Geschichte selektiv gewählt, was sich für die eigene Ideologie fruchtbar machen ließ, und für die eigenen Zwecke propagandistisch umgedeutet. Wie vorgegangen werden konnte, soll am Beispiel der Burg Stahleck in Bacharach nachgezeichnet werden, die seit 1925 anlässlich der Jahrtausendfeier in Bacharach als Jugendherberge genutzt wurde.

 

Die Burg Stahleck 1934/35

Am Sonntag, 20. Oktober 1935, erlebte das „kleine, romantische Städtchen“ Bacharach am Rhein, dem „deutschesten aller Ströme“, eine imposant inszenierte Feier zur Einweihung des neuen Palas-Gebäudes auf der Burg Stahleck. Im Burginnenhof standen in langen Reihen die Hitlerjugend, das Jungvolk und der Bund Deutscher Mädel, ebenso die SA und SS. Für die Jugendlichen war dies ein großer Tag, ging es doch um die Erweiterung „ihrer“ Burg. Denn ein Jahr zuvor hatte der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz“, gegründet 1906 und seit November 1909 im Besitz der Burg, in einem feierlichen Akt dem Oberbannführer der Hitlerjugend Paul Conrad, der Gauführer des Gaues Rheinland im Reichsverband für deutsche Jugendherbergen war, eine Schenkungsurkunde überreicht. Damit trat der Verein seine Rechte an der Burg Stahleck „an die deutsche Jugend“ ab. Hierauf folgte am 18. November 1934 die Grundsteinlegung für das geplante Palas-Gebäude, das jetzt 1935 endlich fertig gestellt war. Es hatte somit nur knapp ein Jahr gedauert, Burg Stahleck ein Stück weit wieder herzustellen und auszubauen.

Besonderen Wert legte man auf die Ausstattung des neuen Rittersaals: Die 11 Glasfenster erzählten die Burggeschichte und zeigten nicht nur die Wappen der Staufer, Welfen, Pfälzer und Wittelsbacher, die zeitweise im Besitz der Burg waren, sondern auch die Wappen von zwanzig rheinischen Städten, die an der Finanzierung beteiligt waren. Und im Besonderen das kurfürstliche Wappen von Trier, das Wappen Preußens, das der Rheinprovinz und die Zeichen der Hitlerjugend und des Deutschen Jugendherbergswerks! Der Rittersaal bot jetzt 200 Menschen Platz und war geschmückt mit einem gewaltigen Kamin, prachtvoll in den Farben Grün und Gelb und mit einem überdimensionalen Reichsadler ausgestattet. Hinter diesem enormen Aufwand stand natürlich eine besondere Lehrdoktrin: „Der Raum erzieht die Menschen“! So war der Rittersaal für Kurse und Arbeitsgemeinschaften vorgesehen, um den Jugendlichen physisch vor Augen zu führen, welche großen Leistungen das deutsche Volk vermeintlich schon zustande gebracht habe. Damit fungierte Burg Stahleck als das Paradebeispiel in der „nationalsozialistischen Erziehung“ der Jugend: Sie diente als Lehranstalt, um das Bild eines „glorreichen“ Mittelalters als Rückblick und Verherrlichung einer „arischen Vergangenheit“ ganzen Schulklassen zu indoktrinieren.

Welchen Erfolg das NS-Regime dabei hatte, verdeutlichen einige Zahlen: Im Jahr 1934 zählte die Burg über 30.000 Übernachtungen. Nach der Erweiterung durch das Palas-Gebäude erhöhte sich die Kapazität von 160 auf 260 Betten, so dass man im Jahr 1937 sogar 52.697 Übernachtungen zählte.


Während der unterstellte kulturelle Wert der Burg Stahleck ausgenutzt wurde, fungierte sie als propagandistisches Aushängeschild für die Nationalsozialisten. Bei der Einweihungsfeier des neuen Palas-Gebäudes brachte der Oberbannführer der Hitlerjugend Paul Conrad die Rolle, welche die Burg Stahleck in der Jugenderziehung spielen sollte, mit den Worten zum Ausdruck, dass „der Geist, der in diesen Mauern herrscht, der Geist der nationalsozialistischen Bewegung und unseres Führers Adolf Hitler“ sei. Damit brachte es Paul Conrad auf den Punkt, wie eine mittelalterliche Burg mit ihrer ganzen Geschichte für politische Ziele instrumentalisiert werden konnte.

 

Verfasserin: Gertrud Schoebel

Literatur in Auswahl:

  • Schikora, Friederike: Stadtführer Bacharach am Rhein. Oberwesel 1988.
  • Stüber, Heinrich: Burg Stahleck über Bacharach. Von der Stauferburg zur Jugendherberge. Mainz 2004.