Fortsetzung der Einleitung

[zurück] ... Bei der näheren Beschäftigung mit den unterschiedlichen Facetten einer mittelalter-begeisterten Alltagskultur stößt man unweigerlich auf zwei gegensätzliche Sichtweisen. Das Bild der Moderne über das Mittelalter ist entweder positiv, idealisierend oder negativ, ja gar abstoßend, besetzt. Otto Gerhard Oexle hat dieses Phänomen treffend als das „entzweite Mittelalter“ tituliert.[1]  Die entsprechenden Zuordnungen sind in der Regel schematisch und unreflektiert, aber allgegenwärtig. Ein Beispiel hierfür ist der gern zum Vergleich herangezogene Begriff der „Hexenjagd“. Ob für einen vermeintlich unrechtmäßig geführten juristischen Prozess verwendet oder hinsichtlich des Umgangs der Presse mit ins Kreuzfeuer geratenen Prominenten, eine unbegründete Vorverurteilung aufgrund von kaum nachweisbaren Anschuldigungen entspricht der gängigen Vorstellung mittelalterlicher Rechtspraxis. Die vermeintlich mittelalterliche Neigung Konflikte gewaltsam und in der Regel mittels lodernden Scheiterhaufen zu lösen, ist ebenso wenig aus den Köpfen zu verbannen wie die Vorstellung der Scheibengestalt der Erde. Auch in Hinblick auf religiösen Fanatismus wird gerne auf das Mittelalter rekurriert. „Zustände wie im Mittelalter“ gelten als Synonym für rückständig, archaisch und feudalistisch. Das Mittelalterliche eröffnet anscheinend eine geeignete Gegenfolie zum modernen, aufgeklärten und säkularisierten Individuum.

Vergegenwärtigt man sich all diese diffamierenden Bedeutungen dieses – ja schon von Beginn an durch die Humanisten als Abwertung der vergangenen Epoche in Abgrenzung zur bewunderten Antike und der eigenen neuen Sicht auf die Welt geprägten – Epochenbegriffes, verwundert ein wenig der gewählte Titel „Faszination Mittelalter“. Doch geht mit der Ablehnung des dunklen Mittelalters eine zweite, völlig entgegengesetze Sicht einher, die immer noch dem Geist der Romantik geschuldet zu sein scheint. Die Welt der Ritterburgen und  Prinzessinnen prägen schon die Kinderzimmer; in Romanen, Filmen aber auch live in Form von Ritterspielen und Mittelaltermärkten werden diese Klischees ins Erwachsenenalter transferiert. Mit Staunen und Bewunderung wird in diese uns so fremde Welt geblickt und vielleicht ist es gerade der Gegensatz zu unserer modernen Welt, der die romantische Sicht auf das Mittelalter immer wieder neu begründet.  In einer schnelllebigen Zeit mit hoher Kommunikationsdichte mag die Vorstellung einer  vermeintlich fest gefügten Weltordnung reizvoll erscheinen. Dass dabei nicht immer nur reine Unterhaltungsmedien im Vordergrund stehen, zeigen die sich immer neu einstellenden Erfolge der großen historischen Ausstellungen zum Thema. Ob Staufer, Ottonen oder auch die jüngst in Magdeburg erfolgreichen „Spektakel der Macht“, das  „Das Mittelalter wird zum „fernen Spiegel“ der Gegenwart, in dem der moderne Mensch fasziniert sich selber betrachten kann“.

Mögliche Gründe für diese Zweiteilung des Mittelalters sind sicherlich eng verknüpft mit den jeweiligen Rezeptionsumständen, denn selbstverständlich ist die Geschichtswissenschaft selbst in ihrem eigenen Zeitkontext verankert und beeinflusst. Der kontradiktorische Gegensatz rührt aus den unterschiedlichen Bewertungskategorien des Mittelalters hinsichtlich der eigenen Lebenswelt. Der Fortschrittgedanke der Aufklärung musste die Unfreiheit des päpstlichen doktrinierten Mittelalter in all seiner Barbarei ablehnen, während das patriotisch gesinnte 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der eigenen Unsicherheit die großen Kaisergestalten verklärte. Abstoßung oder Identifikation, finster oder hell - diese Kategorien erlauben Zuschreibungen epochenspezifischer Charakteristika; ja sie unterstützen die Suche nach Epochengrenzen sogar. Stellt man dabei beispielsweise Webers Überlegungen zum Mittelalter als Grundlage okzidentaler Gesellschaft gegen den von Huizinger postulieren „Herbst des Mittelalters“, wird die Bedeutung des Blickwinkels deutlich.

Eines der Probleme der modernen Geschichtswissenschaften ist es, dass es gerade die stereotypen Zuschreibungen sind, die sich im Geschichtsbewusstsein breiterer Bevölkerungsschichten festgesetzt haben und sich nur mühsam zurecht rücken lassen. Doch genau dies ist sicherlich eine Aufgabe, die es zu lösen gilt. Hans-Werner Goetz verweist in seinem Überblick zur Postmodernen Mediävistik zu Recht darauf, dass die Mediävistik in ökonomischer Perspektive selbstverständlich vom gestiegenen Interesse am Mittelalter auch profitiert und appelliert, das Feld allgemein verständlicher Publikationen nicht dilettierendem Populärjournalismus zu überlassen. Gleichzeitig muss die Geschichtswissenschaft „dieses „populäre“ Bild vom Mittelalter daher auch zurechtrücken und auf seine Mittelaltergemäßheit und seine wissenschaftliche Verträglichkeit hin überprüfen.“[2]

 

Diese Aspekte standen auch im Mittepunkt der im Sommersemester 2008 und 2009 veranstalteten Übung. Dabei ging es weniger um die Suche nach konkreten Antworten, welche die scheinbar stetig wachsende Faszination erklären oder in irgendeiner Form sogar beweisen könnten. Vielmehr ging es darum, die Studierenden auf die genannte Problematik hinzuweisen und für den Umgang damit zu sensibilisieren. Man könnte und sollte den Studierenden der Geschichtswissenschaften den Besuch von Mittelaltermärkten und ähnlichen Veranstaltungen nicht verbieten, aber man kann sie zum reflektierten Nachdenken über das Phänomen der Mittelalter-Faszination anregen.

Die Übung war zweisemestrig angelegt. Im ersten Semester setzte sich das Seminar  thematisch mit den einzelnen Ausformungen moderner Mittelalter Rezeption auseinander. Aus dem Wunsch heraus, diese Überlegungen weiter auszuführen, führte eine kleine Gruppe Studierender die Übung in Form einer Schreibwerkstatt weiter. Im Zentrum des zweiten Semesters standen neben der inhaltlichen Aufarbeitung der Themen die verschiedenen Möglichkeiten wissenschaftlichen Schreibens. Schnell entstand der Wunsch, die Ergebnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die hier vorliegende Internetpräsentation vereint die Ergebnisse dieses Projekts, wobei die Gestaltung des Inhalts ebenso wie die Form der Verschriftlichung gemeinsam im Seminar entwickelt wurde. Das Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz stellte dazu mit dem Netzwerk Regionalgeschichte.net eine geeignete Plattform zur Verfügung. An dieser Stelle sei dafür herzlichst gedankt!

 


[1]    Otto Gerhard Oexle, Das entzweite Mittelalter in: Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, hg. von Gerd Althoff, Darmstadt 1992, S. 7-28, hier S. 11.

[2]    Hans-Werner Goetz, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung, Hemsbach 1999, S. 60.

Verfasserin: Sabine Reichert